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05. Dezember 2021

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„Als Nutzer und Produzenten haben wir alle eine Verantwortung“

„Als Nutzer und Produzenten haben wir alle eine Verantwortung“© Economy_Bilderbox

Prominent besetztes Symposium der FH St. Pölten erörtert Entwicklungen zum Thema Medienethik in Zeiten von Verschwörungstheorien. Medien, Forscher und mediale Institutionen diskutieren Ursachen, Maßnahmen und Verantwortung.

(red/mich) Das jährliche Symposium Medienethik der Fachhochschule (FH) St. Pölten fand heuer unter dem Titel „Verschwörungstheorien – Herausforderung für Medien, Nutzer und Demokratie“ statt. Diskutiert wurden dabei gesellschaftliche, ethische und persönliche Implikationen rund um aktuelle Verschwörungstheorien. Die Experten unterschiedlicher Institutionen warnten vor Radikalisierung und Spaltung, sehen Verschwörungstheorien als schwer zu bekämpfen an und gaben Tipps zum Umgang im persönlichen Umfeld.

Verschwörungstheorien gibt es an sich schon lange und in unterschiedlichen Ausformungen. Q-Anon, die Kritik an der „Lügenpresse“, Corona- und Klimawandel-Leugnung scheinen jedoch neue Quantitäten und Qualitäten dieser Theorien zu sein, vor allem, weil sie mittels Social Media blitzschnell immer mehr Leute erreichen, so eine zentrale Botschaft rund um die aktuelle Corona-Pandemie und entsprechende Erörterungen in den neuen, sogenannten Sozialen Medien.

NoHateSpeech-Koordinatorin, derStandard.at, Mimikama, Presserat und FH St. Pölten
Das Symposium Medienethik 2021 behandelte nun das Wesen dieser Verschwörungstheorien. Wie entstehen sie, warum sind sie so erfolgreich, wer treibt sie an, wie erkennt man sie und wie kann man verantwortungsvoll mit Falschinformationen umgehen? Am Podium diskutierten Verena Fabris (Leiterin der Beratungsstelle Extremismus und nationale „No Hate Speech“-Koordinatorin), Markus Sulzbacher (Ressortleiter Webstandard/Netbusiness), Andre Wolf (Pressesprecher der Aufdeckerplattform Mimikama), Alexander Warzilek (Geschäftsführer des österreichischen Presserats) und Michael Litschka, Dozent und Symposiumsorganisator der FH St. Pölten.

„Wir alle haben als sogenannte ProduserInnen, also als Menschen, die in Zeiten von digitalen Plattformen und Social Media, Inhalte sowohl nutzen als auch erstellen, eine ethische Verantwortung“, so die zentrale Botschaft von Michael Litschka. „Verschwörungserzählungen können als Katalysator für Radikalisierungsprozesse wirken. Durch die Einteilung der Welt in ‚Gut‘ und ‚Böse‘ werden Gruppengrenzen und Spaltungen verstärkt“, erläutert Verena Fabris. Und: „Es wird ein dualistisches Weltbild vermittelt, das sich einer Überprüfung durch Fakten und Gegenargumente widersetzt. Gefährlich wird es, wenn bestimmte Gruppen abgewertet werden und Gewalt als legitimes Mittel gesehen wird, sich gegen die vermeintliche Verschwörung zur Wehr zu setzen“, so Fabris.

Impfgegner und Rechtsextreme sprechen nicht für Mehrheit der Menschen
Wenn Angehörige oder Freunde an Verschwörungsmythen glauben, rät Fabris dazu, in Kontakt zu bleiben und die Beziehung aufrecht zu erhalten. Man solle Vater, Ehefrau oder Schwester als Person ernst nehmen, Interesse zeigen, nachfragen, emphatisch sein und gleichzeitig klar Position beziehen, wenn es um rassistische, antisemitische, sexistische oder andere abwertende Einstellungen geht. „Man kann nur kleine Zweifel säen und dazu muss man einen langen Atem haben“, sagt Vabris.

Für Markus Sulzbacher vom Standard-Watchblog hat die Coronapandemie dafür gesorgt, dass Verschwörungsmythen Hochkonjunktur feiern und viele Menschen wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren. Besonders beunruhigend findet er die Zunahme des Antisemitismus und das Auftreten von Neonazis bei sogenannten Corona-Demos. „Nur weil Impfgegner und Rechtsextreme im Netz und auf den Demos lautstark auftreten, heißt es nicht, dass sie für die Mehrheit der in Österreich lebenden Menschen sprechen“, sagt Sulzbacher. „Sie machen das auch nicht!“ Und: „Es ist zu hinterfragen, ob man Impfgegnern oder Verschwörern in Medien überhaupt eine Bühne geben soll.“

Fakten gegen Fakenews, Verschwörungsmythen hingegen schwer zu widerlegen
„Vor wenigen Jahren noch hätten wir hier gesessen und über die Gefahren von Fakenews gesprochen. Darüber sind wir jedoch hinaus und diskutieren nun über Verschwörungserzählungen. Fakenews können wir recht unproblematisch mit Fakten widerlegen. Verschwörungserzählungen hingegen bieten ein Erzähluniversum, dass Fakten ignoriert oder sie sogar in ihre Immunitätsmechanismen integriert", sagt Andre Wolf. Wolf sieht eine Renaissance uralter Verschwörungsmythen, die in ein neues, dynamisches Gewand gekleidet werden - und somit funktionieren.

„Verschwörungserzählungen bauen Feindbilder auf und vereinen dadurch Menschen. Sie bieten einfache Lösungen für komplexe Probleme und bieten ein Ventil für Aggressionen“, so Wolf. Ähnlich sieht es Alexander Warzilek: „Die Crux der Verschwörungstheorien ist, dass ihre Anhänger nicht auf den Wahrheitsgehalt achten. Damit kann man alles abblocken, was ethischen Standards entspricht. Deshalb ist es so schwierig, gegen Verschwörungstheorien anzukämpfen.“ Die Medienexperten diskutierten vor Ort an der FH St. Pölten. Die Live-Podiumsdiskussion wurde gestreamt. Ein Mitschnitt des Symposiums ist auf Youtube verfügbar, siehe Link.

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red/mich, Economy Ausgabe Webartikel, 03.05.2021