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03. October 2023

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Die Europäische Zentralbank sollte weiter handeln

Die Europäische Zentralbank sollte weiter handeln© pexels/michael steinberg

Agenda Austria Ökonomen fordern in neuer Studie weitere Steigerungen beim Leitzins. Sie vergleichen aktuelle Lage mit der letzten starken Inflation 1975 und beleuchten die Indikatoren Kerninflation und realen Leitzinssatz.

(red/czaak) Die Europäische Zentralbank (EZB) hat auf die gestiegenen Inflationsraten „zu spät und zu zaghaft reagiert“. Der Leitzins müsste nach aktuellem Stand „schrittweise auf sieben Prozent ansteigen, um die gegenwärtige Teuerungswelle zu stoppen“. Das ist Ergebnis und Forderung einer neuen Studie des als wirtschaftsliberal geltenden Think-Tanks Agenda Austria. Der Titel der Studie lautet „Inflation. Warum die EZB jetzt handeln muss“ (siehe Link).

Tempo und Effizienz der Maßnahmen reichen bei weitem nicht
Weitere Einschätzungen der Agenda Austria lauten, die Experten der Europäischen Zentralbank hätten das Unheil trotz entsprechender Entwicklungen „nicht kommen sehen“. Bis in den Herbst 2021 hinein war die EZB-Sichtweise, dass die hohe Inflation nur „ein kurzfristiges Problem sei, das sich von selbst wieder auflösen werde“. Deshalb blieben die Währungshüter lange untätig und hoben erst Mitte 2022 den Leitzinssatz erstmals an. Danach folgten in rascher Folge weitere Korrekturen. „Das Tempo und die Effizienz der Maßnahmen reichen jedoch bei weitem nicht“ so die zentrale Aussage der Agenda Austria-Ökonomen Marcell Göttert und Gerhard Reitschuler.

Beunruhigend sei vor allem der Blick auf die Indikatoren Kerninflation und realer Leitzinssatz als in der breiten Öffentlichkeit eher selten beachtete Parameter. Der Abstand zwischen diesen beiden Variablen lag in Deutschland während der letzten starken Inflationswelle 1975 bei 8,5 Prozentpunkten. Aktuell beträgt die Differenz im Euroraum bereits elf Prozentpunkte. Damals reagierte die Zentralbank mit massiven Eingriffen. Jetzt bleibe die EZB dagegen „zögerlich und vorsichtig“, zumindest bisher.

Die EZB hat eigentlich nur eine Wahl
Aus Sicht der Ökonomen von Agenda Austria muss der Leitzins so lange erhöht werden, bis er die Kerninflationsrate übersteigt und das wäre aktuell bei etwa sieben Prozent der Fall. Zudem gelte es, die Anleihekaufprogramme schrittweise rückzuführen, so eine weitere Forderung der Experten. Derzeit hält die EZB rund 30 Prozent aller Staatsanleihen im Euroraum. „Die zusätzliche Liquidität habe in der Krise geholfen, die Nachfrage zu stützen“, sagt Marcell Göttert. „Doch das Geld verschwindet nicht plötzlich, nur weil es nicht mehr gebraucht wird und damit bleibt der Druck für höhere Inflationsraten bestehen“, betont Göttert.

Im Dilemma zwischen Inflationsbekämpfung und drohender Rezession habe die EZB eigentlich nur eine Wahl: Als wichtigste Aufgabe muss sie sich auf Maßnahmen gegen die Teuerung konzentrieren. „Zur Förderung der Wirtschaft und der privaten Haushalte gibt es bereits ausreichend Maßnahmen der Politik“, so die Agenda Austria Ökonomen. „Diese sollten künftig weniger nach dem Gießkannenprinzip passieren, denn das fördert die Inflation und kostet den Steuerzahler deutlich mehr als notwendig“, unterstreichen die Experten der Agenda Austria.

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 21.02.2023